Ich möchte Ihnen eingangs eine Geschichte erzählen. Mein Mann geht jedes Jahr ein paar Tage zelten mit einem Freund und den Kindern. Zwei Männer, sieben Kinder zwischen 3 und 12 Jahren. Er hat nicht schlecht gestaunt, als er von einem Campingplatz in der Nähe von Biel auf die Reservationsanfrage folgende Antwort erhalten hat:

Für uns sind das zu viele Kinder im Verhältnis zu den Aufsichtspersonen. Dies ist vergleichbar mit Schulklassen. Mit solchen Konstellationen haben wir in den vergangenen Jahren sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Aus diesem Grund können wir Ihnen keinen Platz anbieten.

Ich habe mir meinen Teil bei dieser Antwort gedacht und wurde später darin bestätigt. Wissen sie, was uns eine befreundete Familie erzählt hat, die auf genau diesem Campingplatz Ferien gemacht hat? Neben ihnen hatten zwei Mütter mit sieben Kindern ihre Zelte aufgestellt. Dieses Beispiel zeigt – und es gibt so viele mehr – dass Väter mit Vorurteilen, veralteten zugeschriebenen Rollen und Zuschreibungen konfrontiert sind und das auch zu Ungleichbehandlung führen kann.

Und schon sind wir mittendrin im Thema und wir begegnen ihm auf allen Kanälen:

– «Worunter moderne Väter leiden»

– «Der Beratungsmuffel»

– «Der grösste Fehler ist, dass Väter zu wenig selbstbewusst sind»

Das sind drei Schlagzeilen des letzten Monates, die wir lesen konnten in den Medien zum Thema Väter und Kinderbetreuung. Die Schlussfolgerungen dazu, was junge Väter brauchen waren in diesen Artikeln vielfältig:

  • Mütter müssen lernen, ihre Macht abzugeben und loslassen, kein Telefon mehr auf den Spielplatz, ob der Mann die Kinder eingecremt hat!

oder

  • Beratungsangebote müssen sich stärker an Bedürfnisse von Männern anpassen, das Interieur einer Beratungsstelle sollte nicht zu kuschelig sein!

oder

  • Die Politik müsse Väter besser unterstützen mit Einführung einer Elternzeit oder flexibleren Arbeitsbedingungen.

Klar ist: das Thema ist topaktuell und in aller Munde. Sei es am Küchentisch zu Hause, in Fachkreisen oder im Parlament. Die Fragestellungen, Herausforderungen und Rezepte sind vielschichtig und erfordern eine sorgfältige Analyse der Situation.

  • Warum arbeiten nur 20% aller Väter mit Kleinkindern Teilzeit?
  • Warum nehmen nur 3% der Väter die Mütter- und Väterberatung alleine in Anspruch?

Das Ziel für mich ist klar. Wir müssen die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen so legen, dass die Väter ihre Betreuungs- und Erziehungsrolle frei von Zwängen und veralteten Männlichkeitsmustern suchen und finden können. Das ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass auch mehr Männer Teilzeit arbeiten oder Unterstützungsangebote aufsuchen.

Aber warum ist mehr Präsenz, Zeit und Bindung der Väter ab Geburt mit den Kindern gut? Die neuste Forschung bestätigt, was sie alle wahrscheinlich auch in ihrer Arbeit beobachten. Die Bindung zum Vater beeinflusst die Entwicklung des Kindes massgeblich. Kinder, sind in der Regel psychisch stabiler, wenn sie eine gute Bindung zum Vater haben und viel Zeit mit ihm verbringen. Eine gute Bindung zum Vater senkt das Risiko für Depressionen, Einsamkeit oder ein niedriges Selbstwertgefühl in Teenagerjahren.

Sie erlauben mir kurz anzusprechen, was aus meiner Sicht die Politik beitragen muss. Ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub ist nett, genügt aber bei weitem nicht. Der Bindungsaufbau von Vater und Baby braucht Zeit und deshalb braucht es eine Elternzeit, die ihren Namen auch verdient. Hier haben wir uns auch als Schweizerischer Fachverband verschiedentlich in die aktuelle politische Diskussion eingebracht.

Ausserdem kämpfen viele Männer in der Wirtschaft mit veralteten Mustern bezüglich flexibler Arbeitsbedingungen, Teilzeitarbeit oder Homeoffice. Auch hier kann die Politik Einfluss nehmen, indem zum Beispiel ein Rechtsanspruch auf Reduktion des Arbeitspensums eingeführt wird. Mitarbeiter der Bundesverwaltung haben das Recht, nach der Geburt oder der Adoption eines Kindes ihren Beschäftigungsgrad um 20 Prozent zu senken. Warum könnte das nicht für alle Unternehmen eingeführt werden? Politische Rahmenbedingungen für Familien sind wichtig und können gesellschaftliche Muster beeinflussen oder wie ich manchmal auch denke, gesellschaftliche Erwartungen nachvollziehen.

Wichtig ist natürlich auch die Überprüfung unseres Beratungsangebots, ob es auch den Bedürfnissen von Männern entspricht und diese auch anspricht. Die Überprüfung der Aus- und Weiterbildung, ob sie dem Thema der Väter auf allen Ebenen gerecht wird. In den zweieinhalb Jahren, seit ich als Präsidentin des Fachverbands tätig bin, habe ich beobachten können, dass sich viele Beratungsangebote Gedanken machen, wie sie Väter besser erreichen können. Wir sind eine Mütter- UND Väterberatung. Der Kanton Zürich besetzt eine Stelle als Väterberater, die MVB Stadt Zürich schafft eine Stelle als «Mitarbeiter Frühe Förderung», in St. Gallen wurde kürzlich ein männlicher Elternberater eingestellt, der Kanton BL verfügt über einen Leitfaden für die Praxis «Männer erreichen, beraten und begleiten». Viele Beratungsstellen überprüfen ihre Beratungsformen oder die Erreichbarkeit, angesichts der Tatsache, dass Männer zeitlich weniger flexibel sind oder das Telefongespräch bevorzugen.

All das ist wichtig und richtig. Und sicher können wir immer noch besser werden und unser Bewusstsein schärfen. Mir ist als Präsidentin wichtig, dass wir das Potenzial und den Beitrag unseres Beratungsangebots gerade auch für Väter gegenüber der Politik oder anderen Organisationen oder Angeboten betonen. Ich will mithelfen, die MVB als zentrales Angebot in der frühen Kindheit und damit auch zentrales Angebot für den Einbezug der väterlichen Perspektive in diesem wichtigen Lebensabschnitt des Kindes zu positionieren.

Aber wir bewegen uns nicht auf einem freien Feld. Ob Väter die MVB aufsuchen hängt nicht alleine von uns ab, sondern im Wesentlichen auch von ihrer Rolle in der Familie und ihre Kenntnisse und Offenheit gegenüber Beratungsangeboten. Und dafür braucht es schlicht und ergreifend ein neues gesellschaftliche, politisches und wirtschaftliches Bewusstsein und Selbstverständnis.