Die Berner Nationalrätin Flavia Wasserfallen (SP) spricht im Interview über den Mangel an Teilzeitstellen für Männer, die stiefmütterliche Behandlung der frühkindlichen Bildung auf Bundesebene und familienergänzende Angebote, die im Hinblick auf die Chancengerechtigkeit nur etwas bewirken können, wenn die Qualität der Angebote stimmt. Die 40 Jahre alte Politologin plädiert für einen gesetzlich vorgeschriebenen Vaterschaftsurlaub für alle.

Dieses Interview wurde von Thomas Wälti im Rahmen der READY-Kampagne geführt

Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung, und wie alt waren Sie da?
Flavia Wasserfallen: Ich erinnere mich an ein einschneidendes Erlebnis. 1983, ich war vier Jahre alt, zügelten wir nach Hinterkappelen.
Damit die Eltern an diesem Tag in Ruhe auspacken konnten, setzten sie uns Kinder auf der Terrasse in ein Planschbecken. Plötzlich sah ich nebenan eine Rauchwolke aufziehen – das gegenüberliegende Bauernhaus brannte lichterloh.

Was bedeutet es für Sie, Kinder zwischen 0 und 4 Jahren zu fördern?
Zahlreiche Studien belegen, dass es im Hinblick auf mehr Chancengerechtigkeit entscheidend ist, was in der frühkindlichen Entwicklung eines Kindes passiert. Für mich beginnt diese Förderung nicht erst im Schulalter, sondern schon während der Schwangerschaft. Gerade auf Bundesebene habe ich gemerkt, dass die frühkindliche Bildung nicht wirklich im Fokus steht. Die Diskussion dreht sich eher um schulische Betreuung und Bildungsangebote oder dann um Angebote, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen – dabei jedoch nicht die Bedürfnisse der Kinder ins Zentrum stellen.

Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Wie nehmen Sie diesen Balanceakt in Ihrem persönlichen Umfeld wahr?

Es ist nicht immer einfach, mit verschiedenen Bällen zu jonglieren (schmunzelt).
Das geht auch anderen Familien so. Deshalb brauchen wir genügend qualitativ hochwertige, zugängliche, bedarfsgerechte und bezahlbare familienergänzende Betreuungsangebote. Im Vergleich mit anderen Ländern in Europa bezahlen die Eltern in der Schweiz überdurchschnittlich hohe Tarife. Unsere Nachbarländer erhalten mehr Hilfe vom Staat. Zudem stelle ich fest, dass Männer weitaus mehr Mühe bekunden, eine Teilzeitstelle zu finden, als Frauen. Auch in diesem Bereich muss ein Umdenken stattfinden.

Weshalb engagieren Sie sich für READY! und damit für eine umfassende Politik der frühen Kindheit?
Dieses Thema interessiert mich schon länger – lange bevor ich selbst Mutter von drei Kindern wurde. Der kürzlich publizierte Unesco-Bericht «Für eine Politik der frühen Kindheit» zeigt eindrücklich auf, dass die frühkindliche Bildung und Betreuung noch ein Mauerblümchen-Dasein fristen. Das muss sich unbedingt ändern. Als Grossrätin habe ich mich für familienergänzende Tagesbetreuung in Kindertagesstätten eingesetzt. Auf Bundesebene möchte ich die zahlreichen Akteurinnen und Akteure zusammenbringen, die sich für eine umfassende Politik der frühen Kindheit engagieren. Ein koordiniertes Miteinander ist wesentlich dafür, dass wir einen Schritt weiterkommen.

Was tun Sie in diesem Bereich konkret in Ihrem beruflichen Umfeld?
Ich engagiere mich neu als Präsidentin beim Schweizerischen Fachverband Mütter- und Väterberatung (SF MVB). Er ist ein wichtiger Player in der frühen Kindheit. Wir bieten ein niederschwelliges Beratungsangebot an, das viele junge Familien erreicht und sich an die Zielgruppe Eltern mit Kleinkindern im Alter zwischen 0 und 5 Jahren richtet. Die Palette unseres Beratungsangebots ist breit, wir sind bei Fragen rund um Gesundheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Erziehung und Entwicklung für die Eltern da, aber auch bei schwierigen familiären Situationen und psychosozialen Herausforderungen. Wir wollen mit unserer neuen Strategie die einzelnen Akteure vernetzen, die sich für eine umfassende Politik der frühen Kindheit engagieren. Zudem möchten wir die klare gesetzliche Verankerung der Mütter- und Väterberatung in den Kantonen verstärken, um Kompetenzen und Ressourcen in der Frühen Förderung zu bündeln. Und ich möchte im Bereich der frühen Kindheit einen Beitrag leisten, um neues Wissen zu generieren. Etwas ist mir auch noch wichtig.

Sagen Sie es uns.
Ich finde die «Swiss Society for Early Childhood Research» eine wichtige Initiative. Ich war an der Gründungsveranstaltung im vergangenen Jahr mit dabei. Es ist begrüssenswert, dass eine solche Fachorganisation, die die Forschung der frühen Kindheit stärken und das Wissen aus der Forschung in die Öffentlichkeit einfliessen lassen will, ins Leben gerufen worden ist.

Was gelingt in der Schweiz bezüglich der frühen Kindheit gut?
Das ist eine schwierige Frage (denkt lange nach). In der Schweiz gibt es dank der föderalistischen Struktur Gemeinden und Kantone, die vorbildlich agieren. Ich möchte etwa die Stadt Bern erwähnen, die mit Primano, einer umfassenden Initiative u.a. mit Hausbesuchen Kindern aus bildungsfernen Familien bessere Bildungschancen bietet und damit einen hervorragenden Beitrag für eine gelungene Integration leistet. Ein solches Vorzeigeprojekt kann ich anderen Gemeinden zur Nachahmung empfehlen.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?
Im Schweizer Bildungsbericht wurde festgehalten, dass Kinder aus Familien ohne akademischen Hintergrund weniger gute Chancen auf höhere Bildung haben. In diesem Bereich haben wir ebenso grossen Handlungsbedarf wie bei den familienergänzenden Kinderbetreuungsplätzen. Es gibt mittlerweile regional ausreichend Betreuungsplätze, jedoch nach wie vor zu wenig Plätze, die sich alle Familien leisten können. Wichtig ist auch, dass die Bedürfnisse der Kinder in Bezug auf diese Angebote stärker in den Fokus gestellt werden. Familienergänzende Angebote können im Hinblick auf die Chancengerechtigkeit nur etwas bewirken, wenn die Qualität der Angebote stimmt. Auf der anderen Seite sind natürlich die Arbeitsbedingungen der Betreuungspersonen sowie ein Fachkräftemangel in diesem Bereich ein Thema, das künftig wohl noch aktueller werden wird.

In welcher Verantwortung sehen Sie den Staat?

Der Staat nimmt eine wichtige Rolle ein. Eigentlich müsste seine Rolle so verstanden werden, dass ein Kind nicht nur das Recht hat, eine Tagesschule zu besuchen, sondern dass es sogar das Recht haben sollte, einen bezahlbaren Kita-Platz zu bekommen. Der Staat müsste entsprechende Strukturen und Ressourcen bereitstellen und dafür sorgen, dass ein breites und erschwingliches Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung für alle zugänglich ist. Nur so schafft er Chancengerechtigkeit für alle Kinder.

In welcher Verantwortung sehen Sie die Wirtschaft?
Ohne die Wirtschaft geht es nicht, und ich sehe gute Ansätze und Beispiele. Unternehmen müssen für ihre Angestellten familienfreundliche Strukturen schaffen, damit eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich ist – zum Beispiel mit der Abgabe von Betreuungsgutscheinen oder mit betriebseigenen Kindertagesstätten. Unternehmen müssen andererseits vermehrt Teilzeitmodelle auf allen Hierarchiestufen und grosszügigere Vaterschaftsurlaube anbieten. Nur so kann eine stärkere Bindung zwischen Vater und Kind entstehen. Zudem muss die Wirtschaft einen Beitrag zur Forschung in der frühen Kindheit leisten.

Was sagen Sie dazu, wenn jemand behauptet: «Ein KMU kann es sich gar nicht leisten, Teilzeitstellen oder einen bezahlten Vaterschaftsurlaub anzubieten?»
Das höre ich oft, und ich denke, dass wir hier ein zweites Mal hinschauen müssen. In meinem früheren Job war ich Co-Generalsekretärin der SP Schweiz mit 40 Mitarbeitenden. Eine Co-Leitung hatte es vorher nicht gegeben. Ein solches Job-Sharing musste erst ausprobiert werden und besteht heute weiter, weil es sich bewährt hat. Ich bin überzeugt, dass sich Sharing-Modelle oder Teilzeitpensen auch für die Unternehmen lohnen, weil die Mitarbeitenden zufriedener und ausgeglichener sind. Dass ein kleines KMU nicht unbeschränkt Möglichkeiten hat, einen grosszügigen Vaterschaftsurlaub anzubieten, kann ich verstehen. Deshalb plädiere ich für einen gesetzlich vorgeschriebenen Vaterschaftsurlaub von mindestens vier Wochen für alle, der über die Erwerbsersatzordnung finanziert wird.

Mit welchen Argumenten würden Sie Kritiker davon überzeugen, dass sich Investitionen in die frühe Kindheit langfristig für die Schweiz auszahlen?
Studien belegen, dass jeder in eine Kindertagesstätte investierte Franken sich doppelt auszahlt. Aber auch in einer Langzeitperspektive ist es richtig, die frühe Kindheit zu stärken. Armut ist vererbbar. Deshalb ist es unsere Pflicht, die Chancengleichheit für Kinder aus bildungsfernen Familien mit geeigneten Förderangeboten zu erhöhen. Und damit erhöht sich die Chance, dass Folgekosten gespart werden können, weil diese Kinder ihr Leben eigenständig gestalten können und später weniger auf Sozialleistungen angewiesen sind.